Das Koberchen

Das Koberchen in den Dresdner Heidedörfern

Thomas Seelig, in den Mitteilungen des Vereins für Sächsische Volkskunde, Band 1, Heft 3, Seite 15, erschienen 1897/98

Bei der Unterhaltung mit älteren Leuten aus den Dörfern hinter der Dresdner Heide hört man oft, dass die Bewohner dieses oder jenes Hauses „das Koberchen“ haben. Es wird diese Bezeichnung in einem so gleichgültigen Ton ausgesprochen, dass es keiner näheren Erklärung bedarf, um die Verhältnisse der besprochenen Personen klarer zu legen.  – Dieses eine Wort umfasst eben jedwede nähere Beschreibung. Forscht man nun darüber nach, so erfährt man, dass es drei Arten von „Koberchen“ gibt, und zwar:
1. Das Hauskoberchen. Wer das in seinem Hause besitzt, hat bei allem, was er anfängt, Glück; auch sind seine Gebäude vor Feuer und anderen Gefahren geschützt.
2. Das Stallkoberchen. Der Glückliche, welcher das in seinem Hause hat, hat stets gesundes Vieh; seine Kühe geben reichlich Milch und Butter, und die Hühner legen fleißig Eier.
3. Das Düngerkoberchen. Dieses hat seinen Wohnsitz im Düngerhaufen. Wer es besitzt, hat stets auf seinen Feldern eine gute Ernte; was er sät, gedeiht, und Naturereignisse wie Hagelschlag gehen an seinen Feldern ruhig vorüber, ohne zu schaden.

Weiter erfahren wir, dass das Koberchen für gewöhnlich unsichtbar ist; jedoch zu gewissen Zeiten erscheint es in der verschiedensten Gestalt, und zwar als Hase, Hund, Kalb, Huhn, Kröte, Hummel usw. Wer es besitzt und es auch behalten will, muss es füttern. Zu diesem Zwecke muss man Milch und Honig auf den Ofen setzen. Wer dies nicht tut, dem spielt es allerlei Possen und erscheint dann als feuriger Drache oder als schwarze Rauchwolke über dem Dache des Hauses.

Zum besseren Verständnis mögen hier einige Mitteilungen aus dem Volksmund erfolgen, welche den um Langebrück liegenden Ortschaften entnommen sind.
In Grünberg befand sich das Koberchen beim Wirtschaftsbesitzer Seifert und erschien da selbst als schwarzer Hase, welcher sich weder schießen noch schlagen ließ.
Eben da selbst befand sich ein Koberchen im Schröderschen Gute; dasselbe flog aber als Hummel beim Tode der Mutter von diesem Gute nach dem Rosenkranzschen Gute, woselbst es sich niederließ.
In Schönborn ist das Hauskoberchen mehrfach als schwarzer Hund, als kleine alte Frau oder als Kröte gesehen worden.
In Seifersdorf befand sich ein Koberchen im Hofe des Zumpeschen Gutes. Als das Gut im Jahre 1868 abbrannte, blieb die am Hause angebaute Retirade stehen. Also hatte sich das Koberchen schon während des Brandes dahin geflüchtet und dadurch das Feuer machtlos gemacht, sodass weiterer Schaden verhütet wurde.
In Langebrück befand sich ein Koberchen im Röhrigschen Gute Nummer 20. Als sich jedoch die Tochter des Besitzers nach Wachau verheiratete, nahm sie dasselbe mit dorthin.

Ein paar Erläuterungen:

Sprachlich dürfte „Koberchen“ mit „Kobold“, „Kobel“, „Kobelmann“ oder „Koberl“ verwandt sein. Das Diminutiv „-chen“ weist auf ein kleines oder niedliches Wesen hin. Inhaltlich entspricht es dem, was die Volkskunde andernorts als:

  • Hausgeist
  • Hofgeist
  • Glücksmännlein
  • Drache (im Sinne eines Reichtumsbringers)
  • Alp- oder Koboldwesen

bezeichnet.

Das Koberchen als „Besitz“ und Statusmerkmal

Man sagte einfach, jemand „habe das Koberchen“. Es war fast wie eine logische Erklärung für Wohlstand.

  • Kein Neid, sondern Fakt: Wenn der Nachbar reich war, gesundes Vieh hatte und der Blitz nie einschlug, dann war das keine Hexerei, sondern er hatte eben „sein Koberchen“.
  • Die drei Fachbereiche: Die Aufteilung in Haus-, Stall- und Düngerkoberchen zeigt, wie wichtig die Absicherung der bäuerlichen Existenzgrundlage (Brandschutz, Viehgesundheit, Ernteglück) war.

Gestaltwandler statt „Männlein“

In modernen Sagen ist das Koberchen meist ein kleiner Mann mit Korb. Dein historischer Text beschreibt es viel mystischer als Tiergestalt:

  • Tiere: Schwarzer Hase, schwarzer Hund, Kalb, Huhn, Kröte oder sogar eine Hummel.
  • Elementarkräfte: Wenn es vernachlässigt wurde, verwandelte es sich in bedrohliche Zeichen wie einen feurigen Drachen oder eine schwarze Rauchwolke. Das erinnert stark an den „Puck“ oder den „Drack“ aus anderen deutschen Sagenschätzen.

Das Koberchen als Erbstück

Der Bericht aus Langebrück folgend, indem die Tochter das Koberchen bei ihrer Hochzeit nach Wachau „mitnahm“,  zeigt, dass dieser Geist als ein mobiles Familiengut angesehen wurde. Es war an die Menschen gebunden, nicht zwingend an das Gebäude.

Das „Füttern“ – Ein uraltes Ritual

Die Erwähnung von Milch und Honig auf dem Ofen ist ein Relikt uralter Hausgeister-Kulte. Der Ofen war das Herzstück des Hauses, die Schwelle zur geistigen Welt. Wer das Opfer vergaß, wurde mit „Possen“ bestraft – ein klassisches Motiv für die Ambivalenz solcher Geister: Sie sind nützlich, aber auch launisch und fordernd.

Warum gerade Boxdorf und die Heidedörfer?

Die Orte westlich und nördlich der Heide – von Boxdorf über Reichenberg, Klotzsche, Wilschdorf bis hinauf nach Langebrück und Schönborn – waren historisch eng miteinander verbunden. Die Bauern und Häusler aus Boxdorf mussten ihre Erzeugnisse (oft Strohgeflechte, Gemüse oder Wein vom Gallberg) in genau jenen Kobern (Rückenkörben) auf den Markt nach Dresden tragen.

Weitere historische Beschreibungen des Koberchens

  • Der Lichtschimmer auf dem Dach: Neben den Tiergestalten glaubte man in den Heidedörfern fest daran, dass sich ein Koberchen nachts als „geheimnisvoller Lichtschimmer“ oder sanftes Leuchten über dem First des Hauses oder der Scheune zeigte. Sah man dieses Licht, wusste das Dorf: „Dort sitzt das Glück im Gebälk.“
  • Der Wechsel des Hofes (Das „Überfliegen“): Ähnlich wie im obigen Text der Übergang als Hummel beschrieben wird, hieß es in alten Berichten aus der Gegend um Moritzburg und Boxdorf, dass das Koberchen den Hof verlässt, wenn im Haus arg betrogen, geflucht oder das Gesinde schlecht behandelt wurde. Es flog dann als unscheinbarer Vogel oder blauer Funke zum Nachbarhof. Traf das zu, verarmte der alte Hof oft rasch („Das Glück ist ausgezogen“).
  • Die Katze im Kuhstall: Besonders beim Stallkoberchen hieß es oft, es zeige sich den Mägden als eine auffallend zutrauliche, meist dreifarbige („Glückskatze“) oder pechschwarze Katze, die mitten unter den Kühen schlief. Niemand durfte diese Katze verjagen oder schlagen, sonst gab die beste Kuh am nächsten Tag Blut statt Milch.

Das Koberchen ist weit mehr als nur “Aberglaube” – es ist die historische Erklärung für sozialen Erfolg und wirtschaftliche Resilienz im dörflichen Raum.

Der soziale Aspekt: “Warum hat der Nachbar mehr als ich?”

  • Das Koberchen war ein “Neid-Regulator”. Wenn ein Bauer in Boxdorf erfolgreicher war, sagte man: „Der hat eben das Koberchen.“ Das verhinderte oft offene Feindseligkeit, da es als Schicksal oder Gunst einer höheren Macht angesehen wurde – solange der Bauer das Koberchen auch „fütterte“ (also fleißig und achtsam blieb).
  • Thema “Wanderung”: Die Geschichte von der Tochter, die das Koberchen nach Wachau mitnimmt, ist Gold wert. Sie zeigt die Verbindung der Dörfer untereinander (Heiratskreise).