Der Lindenhof

Die Geschichte eines ehemals herrschaftlichen Anwesens in Boxdorf

Im 17. Jahrhundert und auch darüber hinaus, galt es unter wohlhabenden Bürgern Dresdens als modern, an geeigneten Hängen im Umland der Stadt Weinberge anlegen zu lassen und diese oftmals dann auch mit entsprechenden Gebäuden zu versehen. Diese dienten dem Weinbau, wie beispielsweise Pressenhäuser, und auch als Ort zum Verweilen der Besitzer und ihrer Gäste, wie etwa die oft zierend gestalteten Lusthäuser.

1659 und wohl auch schon vorher hatten der Kammerherr, Kurfürstliche Rat, Hofmeister und Oberkämmerer Hans Heinrich von Lest zu Heinichen und Rengersdorf sowie der Oberkämmerer, Stallmeister und Rittergutsbesitzer Sebastian Hildebrand von Metzsch zu Otterwisch ein Gesuch zur Anlegung eines Weinbergs von der Baumwiese (nicht das Gebäude, sondern die noch heute existierende Wiese ist gemeint) bis zum Waldhof eingereicht. In der damaligen Aussprache hieß das “ein Revier von circa 10 Tüchern an der Ottersleithe obigst der Bahnwiese, bis an Markscheiders Weinberg”.  Tücher nannten sich damals Feldstreifen. Ottersleithe bedeutet schlangenreicher Bergabhang und bezeichnet den späteren Otteritzweg, die heutige Ernst-Wagner-Straße. Markscheiders Weinberg ist das heute noch bestehende Anwesen des Waldhofes. Am 24. März 1660 wurde den beiden Interessenten 8 Tücher bei 3 Talern jährlichem Erbzins überlassen. Die übrigen 2 Tücher blieben auf Veranlassung der Forstbeamten bewaldet um wie es damals hieß “dem Wildpret freien gang zu laßen‘‘. In den folgenden Jahren teilte man den Weinberg. Von Lest erhielt den vorderen Teil im Bereich der heutigen Baumwiese, von Metzsch den hinteren Teil, den späteren Lindenhof. Letzterer starb am 27. Oktober 1666 im Alter von 43 Jahren. Seine Witwe Sybille von Kramsdorf ersuchte 1673 um die Rainsteinsetzung (Grenzstein) ihres Weinberges beim Kurfürsten, was dieser kurze Zeit später genehmigte, aber erst 1679 erfolgte. Dabei wird erstmals ein “…ganz steinern Gebäude oder Stall, so 20 Schritte breit und 32 lang…” genannt. Außerdem wird eine große Mistgrube und ein großer Baumgarten mit einem Nussbaum und Schießmauern erwähnt. Wann genau die Gebäude des Lindenhofes entstanden sind, ist leider nicht mehr nachweisbar. Womöglich existierten damals bereits auch die heute noch teilweise erhaltenen Weinbergsmauern und -treppen.

Nach einigen Besitzwechsel, u.a. der Hofapotheker Johann Gottfried Dober sowie der Gastwirt vom “´Grünen Baum” in Dresden Georg Wilke, erwarb am 7. April 1791 der Geheime Registrator Johann Friedrich Adolph Pitschel das Anwesen für 1200 Taler. Die Kaufurkunde enthielt erstmals umfangreiche Details zum Grundstück. Er kaufte das Land mit den “…darauf liegenden Wohn, Winzer und anderen Gebäuden, Ställen, Scheunen, der Presze…dem darbei befindlichen Garten und Röhrwaßer…” Letzteres ist eine Anlage zur Wasserversorgung. Des Weiteren wird ein Weg erwähnt, der bis an den Grund führt, in welchem der Höllbrunnen liegt. Möglicherweise ist damit die Quelle unterhalb des heute noch existierenden Boxdorfer Tores gemeint.

11 Jahre später am 15. Juni 1802 ersteigert das Anwesen der Finanzprokurator August Gottlieb Kretzschmar für jetzt 5450 Taler. Nach den Befreiungskriegen residierte bis 1815 der russische General Nikolai Grigorjewitsch Repnin-Wolkonski als Generalgouverneur (Vizekönig) des neuen Königreiches Sachsen zeitweilig im Lindenhof. Zuvor kam es im Gebiet während der bereits erwähnten napoleonischen Kriege zu Kampfhandlungen was womöglich den Zustand des Grundstücks negativ beeinflusste. Jedenfalls zahlte der nächste Besitzer, der Hofbäckermeister Friedrich Samuel Bierling am 4. Juli 1822 nur 2510 Taler an Wilhelmine Sophie Kretzschmar, die Witwe des Vorbesitzers. Der neue Besitzer hatte offenbar nur aus Spekulationsgründen gekauft, denn nur 2 Monate später verkaufte er für 4000 Taler das Anwesen an Bernhard Heinrich Ferdinand Graf von und zur Lippe. Am 1. April 1840 ersteigerte der Eisenberger Teichpächter Werner den Lindenhof und übertrug aus unbekannten Gründen das Erstehungsrecht an Julius Gottlob Nostitz und Jänckendorf. Dieser war Direktor der Kommission für Ablösungen, Geheimer Rat und außerordentlicher Gesandter der Deutschen Bundesversammlung zu Frankfurt am Main. Bereits am 1. Oktober 1841 verkaufte dieser seinen Weinberg für 4722 Taler an Demoiselle Emma Gabriele Zschocke. Was sie 1843 von dem nächsten Besitzer Carl Ludwig von Schelcher dafür bekam ist nicht überliefert. Dieser verkauft es am 15. November 1844 für 5300 Taler an den Tapetenfabrikanten Carl Moritz Hopffe. Dieser erweiterte das Gelände durch den Zukauf von Feld und Wald was vorher dem Boxdorfer Gärtner J. G. Menzel gehörte. Nach dem damals neuen Besitzer wurde im Volksmund der steile Fahrweg zwischen Lindenhof und Waldhof „Hoppens Berg” genannt. Dieser heute wohl vergessene Name war mindestens bis in die 1970er Jahre in Verwendung. Der bekanntere zweite Name des Fahrweges „Weiße Mauer“ rührt daher, dass die Bruchsteinmauer, welche das Gelände umgab, nach dem 1. Weltkrieg entlang des Weges mit einem hellen Kalkmörtelanstrich versehen wurde. Nach Hopffe’s Tod erbte dessen Witwe Emma Hopffe am 31. Mai 1866 das Gut was zum damaligen Zeitpunkt einen Wert von nur 3500 Taler hatte. Am 17. Februar 1883 wechselt es innerhalb der Familie den Besitzer. Der Kommerzienrat Moritz Gotthelf Hopffe aus Dresden zahlte 23571 Mark dafür. Dieser verkaufte es mit einem üppigen Gewinn bereits am 25. April 1884 für 50000 Mark an John Block, einem Kaufmann aus Moskau. Dieser überschreibt am 25. März 1893 das Grundstück an seine aus London stammende Tochter Janet Mathilde Blumann für 30000 Mark. Vermutlich fand dieser Handel aus spekulativen Gründen statt, denn schon am 18. September 1895 kaufte der Dresdner Straßenbahndirektor Carl Christoph Stoessner für 65000 Mark das Anwesen. In dieser Zeit taucht erstmalig der Name Lindenhof auf. Stoessner war unter anderem im Boxdorfer Gemeinderat und hierbei im Rechnungsausschuss, im Verfassungsausschuss,  im Verkehrsausschuss und im Schulvorstand. Eine Nachkommin von ihm lebt heute in Schweden. Am 23. Oktober 1912 verließ Stoessner den Lindenhof und am 23. Dezember desselben Jahres kaufte die Stadt Dresden das 85450 m² große Anwesen für 125000 Mark und teilte es. Bauernhaus, Wirtschaftsgebäude, Äcker und Wiesen wurden an Landwirte zur Bewirtschaftung verpachtet. Im Herrenhaus richtete die Elisabeth-von-Pohland-Stiftung ein Genesungsheim für lungenkranke Mädchen und Frauen ein. Man nahm nur in Dresden wohnende, sowie unterstützungswürdige Personen, meist für Dauer eines Vierteljahres auf. Beide Teile des Anwesens besaßen weiterhin die Hausnummer 9. Ende der 1920er Jahre wird eine Oberschwester Anna als Leiterin des Genesungsheims erwähnt, welche auf Grund Ihres Fleißes und ihrer mütterlichen Art beliebt war. In der gleichen Zeit beschrieb man, dass der Lindenhof einfach und sauber eingerichtet war und man abseits der lauten Straßen die Natur genießen konnte. Dazu errichtete man hinter dem Hauptgebäude, etwas erhöht zu Füßen des Weinbergs, eine Liegehalle. An deren Rückseite führte eine Sandsteintreppe über den Hang zu einer befestigten Terrasse an der oberen Einfriedungsmauer. Auf dieser befand sich eine mit Kletterrosen und Flieder umpflanzte Pergola. Der Wald, welchen man von oben durch das Boxdorfer Tor betrat, gestaltete man zu einem Landschaftspark um. Darin wurden Wege angelegt und das Bächlein, welches aus dem Höllbrunnen fließt, speiste zwei schmale lange Teiche deren Bruchsteineinfassungen heute noch sichtbar sind. Über einen der Teiche führte eine hölzerne Brücke.

Als erste Pächterin des Guts Lindenhof tritt eine Frau Schreiber in Erscheinung. Ab Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts baute der nächste Pächter, Herr Flechsig, grundlegend um. Sein moderner Milchbetrieb war inklusive Melkanlage komplett elektrifiziert und hatte im Jahr 1929 mit 14 Rindern den größten Viehbestand der näheren Umgebung. Allerdings beklagte man damals die unzureichende Wasserversorgung des Anwesens. Die Quelle, Brunnen und Zisternen in unmittelbarer Umgebung reichten oft nicht aus um den hohen Wasserbedarf zu decken. Daher musste aus Radebeul der Wasserwagen kommen. Eine Wasserleitung gab es damals noch nicht. Diese baute man Anfang der 1930er Jahre.

Der Weinbau kam, wie überall in der Region, bereits um 1890 durch die aus Nordamerika eingeschleppte Reblaus zum Erliegen und wurde in ganz Boxdorf aufgegeben. Jahrhunderte gärte es in den Fässern, allerdings galt Boxdorfer Wein als geschmacklich wenig edel. Den ehemaligen Weinberg wandelte man in eine Streuobstwiese, welche das Bauerngehöft bewirtschaftete . Auch der Anbau von Gemüse spielte eine große Rolle. Dafür baute Flechsig die alte Weinpresse zu einem Gewächshaus um. Ab ca. 1935 pachtete Erich Wagner, Sohn des ersten Boxdorfer Bürgermeisters Ernst Wagner, die Landwirtschaft.

Am 14. Februar 1945 mittags wurde der Lindenhof von Bomben der 8th United States Air Force getroffen. Das Hauptgebäude erlitt durch den Volltreffer einer Sprengbombe völlige Zerstörung. Alle darin befindlichen Personen, zehn Patientinnen und vier Angestellte, kamen ums Leben. Die Liegehalle und die Scheune brannten durch Brandbombentreffer nieder. Zahlreiche Blindgänger lagen auf den umliegenden Flächen. Während die Reste von Scheune, Liegehalle und Gewächshaus folglich abgetragen wurden, blieb die Ruine noch 30 Jahre unberührt. Pläne für einen Wiederaufbau gab es nicht und somit endet die Ära des Genesungsheims. Nach Enteignung der Stiftung und Überführung in Volkseigentum 1945/46, blieb die Liegenschaft bis 1965 in Besitz der Stadt Dresden.

Das noch bestehende Wirtschaftsgebäude samt zugehöriger Nutzfläche pachtete ab 1945  eine Familie Müller. Letzter Pächter des Anwesens war ab 1947 Willy Janneck. Die Talsenke hinter der Scheune nutzte man als Suhle für die Schweine. Der Gestank war, wie bei Schweinen üblich, sehr intensiv. Die Streuobstwiese auf dem ehemaligen Weinberg erbrachte eine große Fülle an Obst. In erster Linie waren das Süßkirschen, Äpfel, Birnen und Pflaumen. Markant war auch ein sehr großer ausladender Esskastanienbaum. 1965 ging die Rechtsträgerschaft von der Stadt Dresden in die Gemeinde Boxdorf über.

1974 wurde die Ruine des Herrenhauses abgerissen und das verwilderte Gelände planiert um Baufreiheit für eine Siedlung mit 5 baugleichen Einfamilienhäusern vom Typ EW 65 zu schaffen. Für deren Erreichbarkeit baute man eine kleine Erschließungsstraße. Am Bauernhaus wurde nach dem Tode Willy Jannecks der hintere Stallbereich 1975 abgerissen und bis 1976 durch den Bau der ersten Hälfte eines zweigeschossigen Vierfamilienhauses ersetzt. Nach dem Auszug der Witwe Martha Janneck, bezogen bereits die zukünftigen Mieter Paul und Emma Großmann samt Tochter Helga vorübergehend die noch bestehende Hälfte des Bauernhauses. Nach Fertigstellung der ersten Haushälfte bezog Familie Großmann wie auch der Lehrer Zinn jeweils ihre Vierraumwohnung zur Miete. Damit konnte das restliche Bauernhaus beseitigt und der Neubau  bis 1977 komplettiert werden. Die beiden Dreiraumwohnungen bezogen die Familien Huhne und Bergmann. Die Einfamilienhäuser wurden samt zugehöriger, vom übrigen Anwesen abgetrennter Gartengrundstücke von der Gemeinde vermietet. Diese Gartengrundstücke sowie ein kleiner Sportplatz entstanden auf der mit Bauschutt verfüllten ehemaligen Talsohle samt Schweinesuhle.  Ende der 1970er Jahre baute man im Bereich der ehemaligen Liegehalle 4 Wochenendgrundstücke samt Bungalows zur Verpachtung. Nach 1991 verkaufte die Gemeinde Boxdorf die Einfamilienhäuser an die bisherigen Pächter. Die Gemeinde sanierte das Vierfamilienhaus umfangreich, teilte es auf und verkaufte die 4 Eigentumswohnungen. 1999 wurde Boxdorf, welches sich 1994 bereits mit Friedewald und Reichenberg zusammengeschlossen hatte, zu Moritzburg eingemeindet wohin auch die übrigen Lindenhofflächen gingen. Seit Mitte der 1990er Jahre hat der NABU den ehemaligen Weinberg gepachtet, da dieser das Habitat einer mageren Trockenwiese besitzt. Auf der schützenswerten Fläche wachsen entsprechende Arten wie Breitblättriger Thymian (Thymus pulegioides), Dolden-Milchstern (Ornithogalum umbelatum), Heide-Nelke (Dianthus deltoides) sowie die auf der Roten Liste der bedrohten Arten geführte Frühlings-Segge (Carex caryophyllea). Innerhalb der Krautschicht sind durch den NABU 96 Arten der Farn- und Samenpflanzen nachgewiesen. Um deren weitere Existenz zu gewährleisten ist die Wiesenmahd und das Zurückdrängen des Waldes unbedingt notwendig. An Letzterem beteiligt sich der Heimatverein Boxdorf seit dem Winter 2021/2022 mit Baumfällaktionen. Bleibt zu hoffen, dass diese Fläche in Zukunft erhalten bleibt. Zuletzt wurden 11 neue alte Obstbäume gepflanzt und als Baumpatenschaften vergeben.

Ronald Meißner

Frank Schmidt

Quellen: Zeitzeugengespräche mit Rolf Friedrich und Günter Naumann aus Boxdorf

              Aufzeichnungen von Siegfried Meißner

             Rudolf Vierling: Der Lindenhof (1929 in der Lößnitz-Heimat veröffentlicht)